„Heimat“  im Wandel der Zeit… ?

 von Manfred Schröder  

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Der Heimatbund Emsdetten fördert die Heimatkunde, sowie Kultur-, Heimat- und Brauchtumspflege. Er will dabei Überliefertes und Neues sinnvoll vereinen, pflegen und weiterentwickeln, damit die Kenntnis der Heimat, die Verbundenheit mit ihr und die Verantwortung für sie in der gesamten Bevölkerung auf allen dafür in Betracht kommenden Gebieten geweckt, erhalten und gefördert wird. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich der Heimatbund intensiv mit dem Thema „Heimat“ auseinandersetzt. In vielen Gesprächen und Diskussionen, besonders im vergangenen Jahr, durften wir feststellen, wie spannend und umfangreich  „Heimat“ sein kann.

Das Wort „Heimat“ wurde in der Vergangenheit zu einem der schönsten Worte der deutschen Sprache gewählt. Es kann für einen Ort stehen, für eine Erinnerung oder auch nur für eine Sehnsucht nach Vertrautem. Je unruhiger die Zeiten, je unsicherer die Zukunft, desto mehr sehnen sich die Menschen nach Geborgenheit, Beständigkeit und festen Wurzeln, und damit nach Heimat in einem umfassenden Sinn. In einer Zeit, in der Flexibilität und Mobilität gefragt sind, in der Globalisierung immer mehr an Bedeutung gewinnt, in einer von den Medien beeinflussten Welt, in der Geld und Vermögen einen immer größeren Stellenwert einnehmen, gibt es das offenbar doch noch: „Heimatgefühl“. 

Auch „Heimat“ unterliegt dem Wandel der Zeit. Doch in einer vernetzten, grenzenlos gewordenen Welt, in einer Zeit des sozialen Umbruchs gewinnt „Heimat“ eine neue Bedeutung. Sie hilft den Menschen ihre Geschichte zu verstehen und ihren Platz in der Welt neu zu finden. Nur wer seine Vergangenheit und Wurzeln kennt, kann seine Zukunft gestalten. 

Die Gegend, in der der Mensch seine Kindheit verbracht hat, wird aber immer eine besondere Bedeutung behalten. 

Die „Heimat“ ist ja nie schöner, als wenn man in der Fremde von ihr spricht. 

So hat der Heimatbund in den letzten Monaten viele ehemalige  „Emsdettener“ angeschrieben, die ihre Heimatstadt aus familiären oder beruflichen Gründen verlassen haben und in eine andere Stadt oder ein anderes Land umgezogen sind. Die Bitte, uns ihre Gedanken zu dem Thema „Heimat“ schriftlich mitzuteilen, stieß dabei auf wohlwollendes Interesse. 

Insbesondere baten wir um Auskünfte, wie es ihnen in einer neuen Umgebung oder sogar in einer anderen Kultur persönlich ergangen ist. Welche Gedanken und Gefühle sie mit dem Begriff „Heimat“ verbinden. Gibt es eine “zweite Heimat“? Ist „Heimat“ überhaupt noch zeitgemäß, braucht der Mensch so etwas wie „Heimat“? Auch fragte der Heimatbund nach bestehenden Kontakten und Verbindungen zu ihrer Heimatstadt oder zu ihrem Geburtsort. Wir hatten die Empfänger der Schreiben darum gebeten, sich für eine erhoffte Antwort ein wenig Zeit zu nehmen, damit deren Gedanken und Gefühle zum Thema „Heimat“ reifen können. Der Heimatbund war sich durchaus bewusst, dass die Fragen einen möglichen privaten und persönlichen Lebensbereich tangieren.

Wir möchten uns an dieser Stelle recht herzlich für die erhaltenen Stellungnahmen bedanken.

Der Heimatbund möchte in den Ausgaben der Emsdettener Heimatblätter einige Schreiben veröffentlichen oder Passagen daraus zitieren.

 

Sehr ausführlich hat uns Schwester M. Jacoba Baum (Baums Fine) ihre Gedanken zum Thema „Heimat“ mitgeteilt.

Sie schreibt: „Heimat“, volkstümlich verstanden, ist ein Teil physisch-seelisch-geistigen

Lebensraum, in dem wir Geborgenheit empfangen.“ (P. Kentenich, 1951)

Ähnlich spricht der Psychologe Reinhardt Ortner: „Jeder Mensch braucht zu seiner physisch

gesunden Entwicklung als Grundnahrung Liebe, Zuwendung, Verständnis, Geborgenheit und Nestwärme, welches das Herz berührt!“

So möchte ich sagen, dass „Heimat“ sich zuerst auf eine gesunde Familie bezieht. Sie ist normalerweise Grund- und Urform für den Menschen.

Wer in einer gesunden Familie aufgewachsen ist, hat das Erleben von Liebe und Geborgenheit wie die Muttermilch aufgenommen. Es begleitet den Menschen bis ins hohe Alter hinein, denn ohne die seelischen Erlebnisse der Kindheit gibt es keine „Heimat“ oder kein tief greifendes Heimatempfinden. Man kann die Welt bereist haben, Berufserfolg erreichen oder begeistert sein von Freunden und Naturschönheiten, aber trotzdem wird es keine „Heimat“. Warum? Weil die seelischen Erlebnisse fehlen, die seit Kindheit im Menschen verwurzelt sind.

In ihrem Schreiben nimmt sie weiterhin Bezug auf Pater Josef Kentenich. Heimatlosigkeit ist das Kernstück der heutigen Kulturprobleme, ist der Kulturschatten. Deshalb ist Beheimatung heute die große Aufgabe, die wir auf der ganzen Linie lösen müssen! In der augenblicklichen Lage ist es am Wichtigsten, eine natürliche „Heimat“ zu schaffen!

Dazu die persönliche Meinung von Schwester M. Jacoba Baum:

Zurück zur gesunden Familie! Das will heißen, eine verantwortliche Ehe mit Vater, Mutter und Kindern, die einander lieben, Geborgenheit und Schutz schenken. Ich möchte sagen, dass es dort ist, wo ein seelisches Miteinander, Füreinander und Ineinander gibt. Nur so kann die Natur und Seele berührt und die notwendige Grundnahrung für Leben in sich aufgenommen werden, die wir „Heimat“ nennen.

 

Schwester M. Jacoba Baum ist heute 86 Jahre alt und hat 1945 Emsdetten verlassen. In dem weiteren Teil ihres Briefes schreibt sie persönliche Heimaterlebnisse.

„ Meine Urheimat ist und bleibt Emsdetten, Josefstraße 28. Gott hat mich ich in einer gesunden Familie aufwachsen lassen. Die Liebe und Treue von beiden Eltern bewundere ich immer wieder, trotz damaliger Armut und verschiedener Sterbefälle von Geschwistern. Vater und Mutter haben mich mit Liebe betreut und erzogen. Ich fühlte mich geborgen und verstanden.

Einige Erlebnisse mögen es zeigen:

Wenn starkes Gewitter war, kam Papa nach Hause. Er nahm mich zwischen seine Knie, um mir die Angst zu nehmen. Das war Liebe und Geborgenheit.

Einmal hatte ich die Pünktlichkeit am Abend nicht beachtet. Das Plaudern mit Freunden war so gut und interessant. Dafür durfte ich an einem anderen Abend nicht ins Kino gehen. Das geschah mit Ruhe und Wohlwollen, aber es war Erziehung.

Meine Bewunderung ist, dass Mama und Papa nie zusammen gestritten haben. Meinungsverschiedenheiten wurden nicht in unserer Gegenwart geklärt. Hatte ich mal einen Wunsch und fragte Mama danach, kam immer die Antwort: „Frage Papa auch!“ Ging ich zuerst zu Papa, konnte er sagen: „Hast du Mama davon auch gesagt?“

Als ich älter und erwachsener wurde, haben es die Eltern ehrfürchtig und wohlwollend, zum Teil froh erkannt. Sie behandelten uns nicht mehr als „unmündig“.

So durfte ich auf eigenen Wunsch den freiwilligen Arbeitsdienst machen. Auch hier habe ich die elterliche Sorge und Liebe erfahren.

Außer dem Elternhaus danke ich Gott auch für gute Lehrerinnen, besonders Fräulein Beckermann, für den guten Pastor Burghoff von der Herz Jesu Pfarrei, wie für meine Chefs Herrn und Frau Hagel. Alle haben mir für das Leben geholfen. Ich darf auch nicht die fünf guten „Wächter“ der Stadt Emsdetten vergessen. Papa, als Hauptwachtmeister, hatte noch vier Kollegen, von denen mir besonders die Wachtmeister Westkemper und Hölscher in guter Erinnerung sind.

Alle gehören zu meinem Heimaterlebnis, die immer wieder „warme Gemütstöne“ wecken.

Zu der Frage: „Gibt es eine „zweite Heimat?“ nimmt Schwester M. Jacoba Baum Bezug auf die Probleme der Flüchtlinge aus Lauterbach, über die in einem Heimatblatt schon ausführlich berichtet wurde. An ihren Problemen sehen wir, wie schwer es ist eine „Heimat“ verlassen zu müssen und eine neue „Heimat“ zu finden. Es ist lobenswert, wie die Emsdettener Bevölkerung alles getan und ihnen eine zweite „Heimat“ bereitet hat. Doch erst die zweite oder dritte Generation wird von einer „Heimat“ im Vollsinne sprechen können. Die ersten Zuwanderer, so sie noch leben, werden immer wieder mit Schmerzen an ihre Geburtsheimat denken und von ihr sprechen. So darf man sagen, dass „Heimat“ von Kindheit an seine Entwicklung hat.

Schwester M. Jacoba Baum ist Schönstätter Marienschwester, sie nimmt zum Schluss ihres Schreibens noch einmal religiösen Bezug zum Thema „Heimat“.

Durch die Erkenntnisse von P. Kentenich hat Gott seit 1914 für viele Menschen in fünf Kontinenten eine Schönstattheimat entstehen lassen, so auch für mich persönlich.

Schönstatt ist für mich „Zweite Heimat“ geworden! Warum? Weil das Schönstattwerk als Familie aufgebaut ist: Wir verehren Maria als Mutter der Kirche, die in Christus zum Vater des Himmels führt! Darin ist der Familiengedanke enthalten.

Emsdetten hat die Gnade ein Heiligtum der „Dreimal Wunderbaren Mutter“ und „Königin von Schönstatt“ zu besitzen. Wer es gläubig besucht und dort betet, kann innere, seelische Beheimatung erfahren.

Soweit zu dem Antwortschreiben von Schwester M. Jacoba Baum.

 

Aus Papua New Guinea erhielten wir Post von der Hiltruper Missionarin Schwester Friederika Ahlers MSC. Sie schreibt: „Ihr Satz, lieber Herr Schröder, über die unruhigen Zeiten, unsichere Zukunft, größere Sehnsucht der Menschen nach Geborgenheit, Beständigkeit, fest Wurzeln nach Heimat hat mich besonders angesprochen. Mir kam dabei sofort das Wort des Heiligen Augustinus in den Sinn: „Unruhig ist unser Herz bis es ruhet in Dir, oh Gott!“. Vom religiösem her beantwortet könnte man sagen: „Wir kommen von Gott, sind auf Ihn hin geschaffen und finden unsere endgültige „Heimat“ bei ihm“.

Ich könnte auch über die Heimatlosigkeit der Missionare schreiben, denn wir gehen alle durch eine Phase wo wir erleben und fühlen, dass wir nie richtig zu den Menschen gehören können, für die wir uns bis aufs Blut einsetzen. Anderseits erfahren wir im Heimaturlaub, dass wir so viele Jahre vermisst haben mit total neuen Entwicklungen und neuen Perspektiven, dass viele von uns Missionaren die traurige Erfahrung machen, dass wir auch in unserer „Heimat“ fremd geworden sind, nicht mehr richtig passen. Dann fragen wir uns, wohin gehören wir dann nun letztlich?“

Nach den persönlichen Gedanken als Missionarin in Papua New Guinea beantwortet sie die gestellten Fragen wie folgt:

1965 reiste ich aus um in Australien meine Lehrerausbildung zu bekommen. Dort wurde ich zum ersten Mal mit ganz anderen Menschen aus vielen verschiedenen Erdteilen konfrontiert.

Ich wohnte aber in unserem Schwesternhaus in Melbourne. Dort waren da noch deutsche Schwestern und somit war das Gefühl von Geborgenheit, vom Verstandenwerden, von „Heimat“ einfach schon da. Am Weihnachtsfest fuhren wir alle zur See, es war sehr heiß, aber wir sangen deutsche Weihnachtslieder.

1968 flog ich dann weiter zu meinem neuen Aufgabengebiet nach Papua New Guinea. Nach drei Wochen in unserm Provinzialhaus in Veenapape, wurde ich dann nach Unea-West New Britain versetzt, wo ich 6 Jahre Leiterin einer Grundschule war mit über 500 Schülern und Schülerinnen. Alles war neu, aufregend, manchmal auch erschreckend. Ich konnte nichts mit meinen deutschen Erfahrungen anfangen, weil den Schülern dafür der Hintergrund fehlte. Wir waren zu drei deutschen Schwestern und unter den 10.000 Eingeborenen, die uns alle hoch respektierten, hatten wir eine kleine „Heimat“ zwischen uns.

Die Vielseitigkeit der Aufgaben hat mich immer daran gehindert „Heimweh“ zu haben. Aber Briefe waren immer sehr willkommen und die Neuigkeiten wurden zwischen uns ausgetauscht.

In den 6 Jahren lernte ich jeden Tag etwas Neues von der Insulaner Kultur und lernte auch Verbindungen herzustellen. Die Schüler wollten oft etwas aus meiner „Heimat“ erfahren, besonders über den 2. Weltkrieg. Für uns Missionare hat die „Heimat“ immer eine große Rolle gespielt, weil sie uns die finanziellen Möglichkeiten öffnete, um auf unseren Missionsstationen Krankenhäuser und Schulen aufzubauen. Da bekam das Wort „Heimat“ einen stolzen Klang, denn es bedeutete: „Zusammenhalten, Interesse zeigen und auch Opfer bringen für einen guten Zweck!“ Die „Heimat“ hat noch keinen Missionar in Stich gelassen oder vergessen.

Bei dem Begriff „Heimat“, kommen Gefühle der Zugehörigkeit, Stabilität des Zusammenhaltens, Durchhaltens, auch Gefühle der Treue, Zuversicht und Geborgenheit“

Schwester Friederika Ahlers MSC berichtet weiter: „ Ja, es gibt eine „Zweite Heimat“ für mich hier in Papua New Guinea, wo ich seit 40 Jahren das Auf- und Nieder auf nationaler und Provinz-Ebene mit unseren Leuten durch gestanden habe. Die Probleme der Menschen hier sind auch meine geworden und liegen mir am Herzen. „Heimat“ muss immer zeitgemäß bleiben, besonders im Zeitalter der Globalisierung und der Experimente mit künstlichem Leben zu erzeugen. „Heimat“ prägt die Menschen und darauf muss man stolz sein.

In den Unterrichtsstunden und auch während der Unterhaltung mit meinen jetzt überwiegend Papua New Guinea Mitschwestern spreche ich oft über Erlebnisse aus meiner eigenen Schulzeit. Das waren die Kriegs- und Nachkriegsjahre, über meine Freundschaft mit Frauen, die ich vom ersten Schuljahr her kenne und von den Arbeitskollegen und Kolleginnen von der Amtsverwaltung, die alle dazu beigetragen haben, mir „Heimat“ zu geben. Ich schätze den Kontakt mit allen Missionsfreunden und bin im Heimaturlaub immer sehr beschäftigt, sie alle zu besuchen. Für mich ist die Pankratius-Kirche mit ihrem täglichen Gottesdienst ein unentbehrlicher Kontakt für meine „Heimatstadt Emsdetten“.

Abschließend entschuldigt sich Schwester Friederika Ahlers MSC für die, wie ihre Nichten es ausdrücken, altmodischen deutschen Ausdrücke. Schließlich spreche, denke, träume und schreibe sie seit 1968 nur in Englisch. Sie beendet ihren Brief mit dem Satz: „Es hat mich angeregt, dieses zu schreiben“.

 

Ein herzliches Dankeschön an Schwester M. Jacoba Baum und Schwester Friederika Ahlers!

 

Wir haben Ihr Interesse an „Heimat“ geweckt? Der Heimatbund freut sich auf Ihre Reaktionen und Stellungnahmen! Auch für die Zusendung von persönlichen Darstellungen (Briefe, Gedichte, Fotos..) Ihres Nachdenkens wären wir dankbar.

-Fortsetzung folgt-

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